Schnupper rein in die Welt von Eolan, Nick, 
Chayenne, Leandro, Nina und Jules

Hier sind ein paar Kapitel und Passagen für Dich:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nick

Na toll! Hauke sitzt schon im Esszimmer und daddelt an seinem Handy rum. Er würdigt mich keines Blickes. Gut so. Seit gestern Abend ist alles anders. Ich wüsste nicht, ob mir nicht meine Gesichtszüge verrutschen, wenn ich ihn ansehen müsste. Was ich gestern Abend als unbemerkter Zeuge gehört habe, verändert alles. Das muss ich erst einmal sortieren. Schnell mache ich mir in der Küche eine Portion Müsli und verdrücke mich damit auf mein Zimmer und esse dort. Ich bekleckere mir gründlich mein Lieblings-T-Shirt und greife mir das karierte Kurzarm-Hemd. Warum ich so altmodische Sachen im Schrank habe? Mein Vater sagt immer: Einen Schönen kleidet alles, einen Hässlichen entstellt nichts. Jetzt ratet mal, mit wem ich wohl gemeint bin. Meiner Mutter möchte ich auch nicht unbedingt über den Weg laufen, bevor ich los muss. Leider muss ich doch noch mal in die Küche und dafür an Hauke vorbei. Ich versuche so unauffällig, wie es mir mit meinen 73,4 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,63 Metern möglich ist, an ihm vorbeizuschleichen.

„Hast du einen Krampf in der Wade oder warum läufst du so komisch?“

Mist, er hat mich doch bemerkt. Ich starre so angestrengt in meine Müslischale, als würde darin etwas Spannendes passieren und ignoriere einfach seine Frage.

„Hast du auch was an den Ohren? Muss ich mir Sorgen machen?“, legt er nach.

„Nein, alles okay. Mir war gerade etwas schwindelig“, lüge ich ihn an. „Wann beginnt eigentlich dein Wettkampf heute Abend, Hauke?“, will Mama glücklicherweise gerade von ihm wissen und ich kann unbehelligt im Süßigkeitenschrank nach Schokolade sehen. Schon widersinnig, dass Mama und Papa mir zwar unentwegt vorhalten, ich solle doch nicht so viel ungesunden Süßkram in mich reinstopfen, auf der anderen Seite aber immer wieder den Schrank bis zum Anschlag nachfüllen, wenn sie einkaufen gehen. Außer mir bedient sich hier selten jemand. Mir soll es recht sein, dass ich mein Taschengeld so für meine PlayStation-Spiele und den anderen Technikkram sparen kann. Zartbitter oder Traube-Nuss? Ich nehme einfach beide mit.

„Heute Abend um 19:00 Uhr geht es los. Seid ihr pünktlich da?“

Mich meint er mit dieser Frage nicht. Sie haben es dann doch eingesehen, dass meine Anwesenheit bei solchen Veranstaltungen für alle kein Vergnügen ist. Es war unerträglich, meinem begabten, großen Bruder dabei zusehen zu müssen, wie er Wettkampf um Wettkampf gewann.
Mir hingegen kommt schon nach einem 50-Meter-Sprint die Luft abhanden, und ich klappe mit krebsrotem Kopf und Seitenstechen am Sportplatzrand zusammen.

„Ja, sicher. Papa macht früher Feierabend. Wenn du willst, gehen wir danach noch bei Luigi was Kleines essen“, flötet Mama. Mist. Da wäre ich schon gerne dabei. Die Pizza dort ist ein Traum! 

Hauke und ich könnten ungleicher nicht sein. Er ist groß, schlank, drahtig und dunkelhaarig. Ich bin klein, dick, träge und blond. Es fehlt nicht viel und man könnte mich mit Klößchen aus der Reihe TKKG verwechseln. Für unsere Eltern ist es vielleicht von Vorteil. So brauchen sie nur den einen vorzeigenswerten Sprössling in den Himmel loben. Wer weiß, womöglich gibt es einen eingebauten Bewunderungsakku in Eltern. Der wäre dann doppelt so schnell aufgebraucht, wenn auch ich mich in irgendeinem Feld zu Hochleistungen aufschwingen würde. Manchmal frisst mich diese Ungerechtigkeit innerlich auf. Aber wenn ich an das denke, was ich gestern gehört habe, komme ich wieder ins Grübeln. Oh! Jetzt schwinge ich mich erst mal auf in die Schule.

Ich stehe gerade vor dem schwarzen Brett und gucke nach den Vertretungen, da höre ich, wie Gerrit und Malte sich unterhalten. Gerrits Gesicht hat heute auf der linken Wange eine imponierende Farbe.

„Und der hat dir einfach so, völlig ohne Grund eine geballert?“, fragt Malte gerade.

Gerrit nickt.

„Ich hatte in dem Moment gerade auf eine faule Weintraube gebissen und hätte mich fast daran verschluckt. Hab sie noch ausspucken können. Da bemerke ich erst, dass Leandro direkt vor mir steht und mich anglotzt. Holt der aus und haut mir mit seiner flachen Hand voller Wucht hier her!“

Völlig überflüssig, da hinzudeuten. Den roten Abdruck sieht sogar ein Blinder mit einem Krückstock.

Leo bezieht doch eh alles und jeden Pups, den jemand lässt, auf sich. Der ist völlig gestört und hat eine sehr kurze Lunte. Wenn es geht, mache ich um den einen weiten Bogen. Ansonsten verläuft der Vormittag völlig durchschnittlich langweilig.

Zu Hause angekommen werfe ich sofort den Rechner an. Chips raus, Limo ist auch am Platz, es kann losgehen. It’s Playtime! Hier bin ich in meinem Element.

Ich öffne noch schnell mein E-Mail-Postfach. Vielleicht kommt ja bald meine Bestellung an? klopfklopf@cybermail.com schreibt mir mit dem Betreff „Geheimnis“ eine Mail. Sie liegt im Privat-Ordner. Solange ich auf keinen Link in der Mail klicke, kann ich mir die ruhig durchlesen.

„Ich kenne Dein Geheimnis und Deinen größten Wunsch. Komm morgen um 15:00 Uhr zur Litfaßsäule am Bahnhofsplatz.“

Ich klicke auf „antworten“.

„Du Schlauberger hast keine Ahnung.“ 

Etwas Geistreicheres fällt mir spontan nicht ein.

„Du hast etwas mit angehört, was für Deine Ohren nicht bestimmt war, und jetzt weißt Du nicht, wie Du damit umgehen sollst.“

Eine Weile lang schweben meine Hände regungslos über der Tastatur und in der Bildschirm-Spiegelung sehe ich, dass mein Mund offen steht. Das KANN doch eigentlich niemand wissen!

„Ich weiß, dass das eigentlich niemand wissen KANN. Ich weiß es aber. Wenn Du dabei Hilfe haben möchtest, dann sei morgen da. Es wird auch ein Button für Dich im Briefkasten liegen. Den stecke Dir bitte spätestens vor Ort an.“

Ich schicke noch ein: „Ich überlege es mir“, hinterher und fahre den Rechner gerade wieder herunter. Die Lust aufs Zocken ist mir vergangen und ich liege für den Rest des Tages mit Chips und Limo im Bett.

Alle möglichen Gedanken und Gefühle purzeln wie bei einem Kaleidoskop in mir abwechselnd durcheinander. Irgendwann schlafe ich endlich ein. 

Eolan

„Leg dein Handy weg, bis du zur Schule musst!“

Mama mal wieder. Na gut. Ich kaue also gelangweilt auf meinem Toast herum.

„Hast du die Jungs schon gefüttert und ihnen frisches Wasser gegeben?“

„Ja, Mama.“ Eigentlich könnte sie diese ganzen Sätze alle mal aufnehmen und per Handy abspielen.

Damit würde sie viel wertvolle Luft sparen.

Track 1: Hast du die Schultasche schon gepackt?

Track 2: Denkst du daran, dir eine Wasserflasche einzupacken?

Track 3: Du hast heute Sport. Pack die Turnschuhe ein.

Track 4: Leg dein Handy weg, bis du zur Schule musst!

Und so weiter. Oder ich nehme das alles mal auf. Die Liste ist unendlich lang, aber jeder Satz kommt so sicher wie das Amen in der Kirche. Lustig fände sie das bestimmt. So nervig sie auch diesbezüglich manchmal ist. Humor hat sie. Das muss man ihr lassen. Mit den Jungs meint sie übrigens meine Ratten. Ihhhhh? Ihr habt ja keine Ahnung. Die sind ziemlich schlau. Und dass ihr Schwanz so lang ist, liegt daran, dass sie damit das Gleichgewicht halten können.

„Wie ist es denn mittlerweile in deiner neuen Klasse?“ will Mama wissen. Mal wieder. Sie fragt das gefühlt alle 3 Tage.

„Ganz gut soweit.“ Immerhin drei Worte. Ich versuche, ihr fest in die Augen zu blicken und einigermaßen glaubhaft zu wirken.

„Das freut mich. Sag mir, wenn es Probleme gibt. Die kann man immer lösen.“

Als ob!… Wie soll man das lösen, wenn hinter dem Rücken getuschelt, gekichert und rumgeblökt wird. Peinlich ist das. Und bei aller Liebe: Mit den Eltern so was bequatschen? No way. Die kapieren das eh nicht. Wir sind erst vor fünf Wochen hierher gezogen. Es ist zwar nicht so weit entfernt von meinem früheren Wohnort, aber die Schule musste ich trotzdem wechseln. Ich vermisse mein früheres Zuhause sehr. Zum Glück habe ich Fotos von meinem Zimmer und allem anderen gemacht, bevor wir ausgezogen sind. Ich habe Angst, mich eines Tages nicht mehr daran erinnern zu können.

„Denkst du an den Augenarzttermin heute Mittag? Um 3 müssen wir los.“

Na toll, das hatte ich erfolgreich verdrängt. Seit ich denken kann, brauche ich eine Brille, weil ich mit einem angeborenen Sehfehler auf die Welt gekommen bin. Das klingt irgendwie bedeutsamer als: Ich schiele. Und alle Nase lang glotzt mir der Augenarzt in die Augen. Wenn es spitze läuft, verpasst er mir vorher Augentropfen. Die tun so derartig weh, dass ich, als ich kleiner war, immer geheult hatte. Und Mundgeruch hat der. Da muss ich immer die Luft anhalten und gebe ihm kurze, nasale Antworten.

„Ja, Mama!“

Das wäre der Haupt-Track auf meiner CD. Direkt vor: „Ganz gut.“

Heute bin ich zu früh in der Schule. Bin wohl gefahren wie ein Blitz. Ich nehme mein Buch aus der Tasche und fange unter der Eiche, meinem Lieblingsplatz, an zu lesen. Der ist so schön weit weg von allen.

„...Brillenschlange… die ist nur am Lesen… irgendwie komisch…“ Die typischen Wortfetzen erreichen mein Ohr dann doch… Ich nehme kurz einen Druck in meinem Brustkorb wahr, aber lese sofort weiter. Beim Umblättern fällt mir ein cremeweißes Blatt entgegen. Mit schwungvollen Buchstaben steht in Tinte darauf geschrieben:

„Ich kenne Dein Geheimnis, Eolan. Und Deinen größten Wunsch. Komm morgen um 15:00 Uhr zur Litfaßsäule am Bahnhofsplatz.“

Hä? Was soll das denn? Die Schrift kenne ich nicht. Auch, wenn Mama ihre Schrift verstellt, es gibt immer ein paar Ähnlichkeiten. Und Papa kann so schön schon mal gar nicht schreiben. Es hat ja auch sonst niemand an mein Buch herankommen können. Dieses hier habe ich noch nicht mit in die Schule genommen und es ist taufrisch. Also nicht aus der Bibliothek, sondern neu bestellt in der Buchhandlung. Schnell blättere ich den Rest vom Buch durch, um zu schauen, ob da noch so ein Zettel ist. Nix. Nada. Niente… Es klingelt zur ersten Stunde. Also mache ich mich ratlos und irritiert auf den Weg zur Klasse. Ich komme gerade am dicken Nick vorbei, als Jules, der Poser, ihm einen fiesen Spruch zuruft. Nick tut zwar so, als würde ihm das nichts ausmachen, aber ich kenne so was mittlerweile auch so gut, dass ich ihm anmerke, wie sehr ihn das trifft. Ich hab aber mit mir selbst genug zu schaffen. Also gehe ich einfach weiter. Ich habe, glaube ich, zu viele Fantasy–Romane gelesen. Die erste Unterrichtsstunde bekomme ich kaum mit, da ich nicht aufhören kann herumzugrübeln. Von wem ist dieser Zettel? Was ist das für ein Geheimnis? Und vor allem: Was für ein Wunsch? Und noch davor: Soll ich da wirklich hingehen? Was, wenn mich hier einer gründlich veräppelt und ich mich hier zum Vollhonk machen lasse?

Der Termin beim Augenarzt ist eine kurze, aber unschöne Ablenkung. Ich brauche mal wieder stärkere, also dickere Gläser. Damit meine Augen noch viiiiiiiieeeellll größer aussehen als eh schon. Danke dafür!

Auf dem Heimweg kommen wir wieder an diesem tollen Gestüt vorbei. Ein Mädchen sitzt auf einer riesigen pechschwarzen Stute. Das Kreuz schön durchgedrückt und mit erhobenem Haupt sitzt sie auf dem Pferd und lenkt es mit einer Leichtigkeit, die ich sehr beeindruckend finde. Ich glaube, ich habe das Mädchen schon bei uns auf der Schule gesehen. Ich würde auch furchtbar gerne reiten lernen. Aber das sprengt unser Budget, sagt Mama. Büdschee. Sie könnte auch sagen: Dafür reicht unsere Kohle nicht. Das würde jeder sofort verstehen. Aber sie mag Fremdwörter. 
Zuhause zocke ich dann noch eine Weile. Da bin ich mittlerweile richtig gut. 

Fast hätte ich den Zettel vergessen! Aber als ich das Buch am Abend wieder aus meinem Schulrucksack ziehe und weiterlesen will, flattert mir noch so ein Zettel vor die Füße.

„Zu viele Romane kann man gar nicht lesen. Wenn Du wissen willst, wie Dein größter Wunsch erfüllt werden kann, dann komme morgen zur Litfaßsäule. Du wirst morgen einen Button im Briefkasten für Dich finden. Den stecke Dir an, wenn Du beim Treffpunkt bist.“

Bin ich gerade am Durchdrehen? Ist das hier real? Ich kann mir das nicht erklären und es ist ganz schön spooky…

Ein wenig Gänsehaut kribbelt über meine Arme. Aber ich bin neugierig…Um 15:00 Uhr an einem Platz, an dem sich viele Menschen aufhalten? Das traue ich mich dann doch, entscheide ich und lese noch ein paar Kapitel, wobei mir langsam die Augen zufallen. 

Ich kann gerade noch denken: Super, morgen wachst Du wieder mit Buchdeckelkantenabdrücken im Gesicht auf, bevor ich einschlafe.

Jules

Wie beinahe jeden Morgen hätte ich fast verschlafen. Ungut…

So bleibt mir wieder weniger Zeit, mich zu stylen. Aber dadurch habe ich das Ganze perfektioniert. Man muss ja positiv bleiben.

Mist! Wo ist denn mein neuer Hoodie? Ah! Da ist er ja.

Jetzt schnell noch was in der Küche essen und dann ab in die Schule.

Mom sitzt in ihrem Morgenmantel mit ihren verstruwwelten Haaren schon im Wohnzimmer auf der Couch und starrt auf ihr Handy. Das geht mal wieder seit ein paar Tagen so. Super. Mich zickt sie dauernd an, ich solle mein Handy auch mal weglegen und was „Reales“ tun.

Ich schnappe mir noch meine Jacke. Ist heute etwas frischer als gestern. Im Flur fällt mein Blick wieder auf das Foto. Ich schaue schnell wieder weg.

Jeden verdammten Morgen wird mir kurz mulmig dabei. Warum hängt das ausgerechnet da, wo ich es zigmal am Tag sehen muss? Schnell noch den Schlüssel und ab dafür.

„Tschö, Mom!“, rufe ich. Kurz bevor die Haustür ins Schloss fällt, vernehme ich ein eintöniges:

„Mach’s gut, Kleiner!“. Wie ich das hasse, wenn sie mich „Kleiner“ nennt.

Ich bin mittlerweile größer als sie und kein verdammtes Kleinkind mehr. Aber egal, wie oft ich ihr das sage – es kommt einfach nicht an.

Schon praktisch, dass mein Weg in die Schule recht kurz ist. Ich nehme oft mein Longboard statt das Fahrrad. Das spart mir Zeit.

Gestern hatte ich deswegen mal wieder Zoff mit Dad. Das ist ja viel zu gefährlich, damit auf der Straße zu fahren. Und die ganzen Autofahrer! Und wenn da mal was passiert, dann setzt es aber was…

Er war über das Wochenende ausnahmsweise mal zu Hause. Wie eine Lichtgestalt taucht er immer unvermittelt bei uns auf, mimt den großen Ansager, belehrt mich über richtiges Verhalten und verschwindet dann wieder tagelang. Ist ein hohes Tier in einer suuuuuuperwichtigen Firma und schließt suuuuuperwichtige Verträge mit suuuuuuperwichtigen Leuten ab. Da fließt viel Geld. Das ist das einzig Gute daran. Meine Eltern kaufen mir immer den neuesten heißen Scheiß, egal wie teuer der ist.

„Hi Jules! Toller Hoodie!“, ruft es von rechts. Nick, der dicke Langweiler aus der 6b. Was will der denn wieder von mir?

„Ja, ich weiß! Ob es den in XXXXL gibt, bezweifle ich aber“, drücke ich ihm noch rein, bevor ich weiter gehe. Von links kommt Gelächter. Schnell nicke ich meinen Kumpels zu und hebe kurz meine Hand zu einem Gruß hoch. Ich beeile mich, mal besser in den Klassenraum zu kommen, sonst quatscht mir Nick vielleicht doch wieder ein Ohr ab. Egal wie fies man den beleidigt, der lacht teilweise noch darüber und ist anhänglich wie eine Klette.

Voll das Opfer. Aber schon krass, dass er den neuen Hoodie bemerkt hat...

Auf dem Flur kommt mir Chayenne entgegen. Sie beachtet mich mal wieder nicht. Dafür ist sie viel zu berühmt mit ihrem ach so tollen YouTube-Channel. Tschännel. Da besteht sie drauf, dass das kein „Kanal“ ist. Na gut. Süß ist sie ja schon irgendwie. Jedenfalls achtet sie auch auf ihr Äußeres wie ich und wirft sich für alle in Schale.

Kaum sitze ich auf meinem Platz, bekomme ich direkt die aktuellen Schulhof-News mitgeteilt.

„Hast du mitbekommen, was gestern passiert ist?“

Matze ist unsere wandelnde Klatschspalte. Er liebt es, wenn man nachfragen muss. Wenn man es nicht tut, mimt er den Beleidigten und erzählt erst einmal gar nichts.

„Ne, was ist denn passiert?“, frage ich also brav nach.

„Leandro hat gestern den Gerrit geklatscht!“

„Den Gerrit, das halbe Hemd? Wieso das denn?“

„Nichts Genaues weiß man nicht, aber er muss wohl so fest zugeschlagen haben, dass Gerrit aus der Nase geblutet und einen ordentlichen Abdruck im Gesicht hat. Leandro sagt, Gerrit hat ihn provoziert. Mit was auch immer. Aber Gerrit hat gesagt, ihn hat der Schlag aus dem Nichts getroffen und er weiß gar nicht, was er denn bitte getan hat.“

Mir bleibt nur noch Zeit „Aha…“ zu sagen, da kommt auch schon Herr Frank ins Klassenzimmer und beginnt mit dem Unterricht. Sozialkunde.

Irgendwie überstehe ich auch diesen Schultag. Gerade, als ich nach Hause komme und mal wieder auf das Foto schaue, bekomme ich eine WhatsApp. Unbekannter Kontakt.

Ich lese: „Ich kenne Dein Geheimnis. Und ich weiß, was Du Dir am meisten wünschst. Komm morgen um 15:00 Uhr zur Litfaßsäule am Bahnhofsplatz.“

Ich erschrecke kurz und schaue mich unwillkürlich um.

„Was ist das denn für ein Scheiß?“, denke ich, schüttle mich kurz und lösche die Nachricht. Auf so etwas habe ich ja gar keinen Bock.

Mom sitzt diesmal in der Küche am Esstisch. Es gibt Dosensuppe. Die ist schon fast wieder kalt. Immerhin ist sie mal aufgestanden und hat den Weg vom Wohnzimmer bis in die Küche geschafft und so was Ähnliches wie elterliche Fürsorge hinbekommen.

„Wie war es in der Schule?“, kommt ihre Standardfrage.

„Gut“, kommt meine Standardantwort zurück.

Schweigend löffeln wir die lauwarme Suppe. Ich räume schnell den Tisch ab und stelle das Geschirr direkt in die Spülmaschine. Das gibt nämlich Pluspunkte. Auch wenn Mom insgesamt kaum anwesend zu sein scheint, so was bemerkt sie dann doch und steckt mir dafür hin und wieder ein paar Euro zu oder lässt mich abends auch mal länger wegbleiben.

„Dein Geheimnis hat mit der Fotografie im Flur zu tun.“

Schon wieder eine WhatsApp von dem unbekannten Teilnehmer. Nun fährt mir der Schreck durch alle Glieder.

Es weiß doch kaum jemand von dem Foto und dem, was damals passiert ist…

Schnell schau ich um die Ecke zum Küchentisch, wo Mama noch sitzt. Sie starrt aber gerade in eine Zeitschrift und ihr Handy liegt neben dem Herd. Sie hat mir also nicht diese Nachricht geschickt. Wer bitte erlaubt sich hier einen so gruseligen Scherz mit mir? Pling! Noch eine Nachricht.

„Das ist kein Scherz. Es ist mir ernst und es geht um Deinen größten Wunsch.“

Holy shit! Jetzt bin ich wirklich… Was ist denn mein größter Wunsch? Die neueste Playstation habe ich doch neulich zu meinem Geburtstag bekommen. So wie ich bisher alle meine größten Wünsche von Mom und Dad erfüllt bekommen habe…

„Wer bist Du, verdammt?“ schreibe ich zurück.

„Das kann ich Dir leider nicht sagen. Aber bitte versuche, Dich etwas zu beruhigen. Ich meine es wirklich gut mit Dir.“

Ich starre auf das Display. Ich bin in Sorge und fühle mich gleichzeitig aufgeregt. So wie als kleines Kind kurz vor der Bescherung.

„Okay… Wann und wo soll ich nochmal sein? Die erste Nachricht habe ich nämlich gelöscht.“

„Morgen um 15:00 Uhr an der Litfaßsäule am Bahnhofsplatz.“

Ah! Das runde Monstrum aus Beton aus dem letzten Jahrtausend, das völlig mit Plakaten und Anzeigen zugebappt ist. Mich beruhigt es ein wenig, da dies um diese Uhrzeit ein recht belebter Platz ist.

„Du wirst einen Button im Briefkasten für Dich finden. Diesen musst Du Dir anstecken.“

Ich muss nicht alles verstehen, denke ich mir und gehe in mein Zimmer. Erst einmal ziehe ich mich um und dann zocke ich noch ein bisschen mit meiner Playsi.

Milanus7 und Löwe19 waren wieder mit mir im Team. Maxxxl war heute nicht dabei… Die können schon ziemlich gut zocken. Auch die Chats mit ihnen machen richtig Spaß. Gibt immer was zu lachen.

Das Abendessen mit Mom ist genauso spannend wie das Mittagessen. Deshalb schnappe ich mir meinen Teller und verziehe mich in mein Zimmer. Im Bett wälze ich mich hin und her. Ich komme kaum zur Ruhe, da ich immer wieder an diese geheimnisvollen Nachrichten und an das Foto denken muss. Und schon wieder habe ich diesen Kloß im Hals, bevor ich endlich einschlafe. 

Chayenne

So, noch die Wimperntusche und einmal durch die Haare bürsten, dann bin ich auch schon fertig.

Das neue Tsarah-Top ist meeeeega!! Genau die richtige Länge, schmaler Schnitt, sitzt perfekt und hat einen angenehmen, hellblauen Stoff, der super zu meinen Augen passt. Soll ich noch schnell meine Mails checken? Ach neee…

Gestern war mal wieder nicht so gut. Ja, da waren viele mit Lob und Fragen, ob ich über dieses oder jenes was posten könnte, aber ein paar waren wieder… Anhänge öffne ich auf jeden Fall nie wieder! Das Bild von neulich spukt mir immer wieder durch den Kopf. Ekelhaft!

„Chayenne! Möchtest du Saft zum Frühstück haben?“, ruft Mama von der Küche aus hoch.

„Nein, danke, Mama. Ich möchte nur Wasser“, antworte ich ihr. Gerade vor ein paar Tagen habe ich gelesen, dass Säfte unglaublich viel Zucker enthalten. Fruchtzucker. Und der soll sogar noch schlimmer sein als der normale weiße Zucker. Also lasse ich lieber die Finger davon. Ist eh schwer, das Gewicht zu halten. Zunehmen, das kann ich mir nicht erlauben. Ich habe einen Ruf zu verlieren. Tamara ist das mit ihrem TikTok-Channel passiert. Sie hat viele Follower verloren, nur weil sie plötzlich ein paar Kilos mehr auf den Rippen hatte. Gott bewahre! Ich sprühe noch kurz etwas von meinem Deo in die Luft und laufe durch die Wolke nach unten und setze mich an den Küchentisch.

Waffeln… Mit Sirup…

„Ach Mama!“, schnaube ich. „Gerade gestern habe ich dich gebeten, mir keine Waffeln mehr zum Frühstück zu machen. Die liegen mir immer schwer im Magen.“

„Ach, stimmt ja! Das habe ich total vergessen. Dann packe ich sie dir ein für die Pause, wenn du wieder hungrig bist. Magst du eine Banane?“

Ich sehe, dass sie mich angelogen hat. Von wegen vergessen. Ich bin ja nicht blöd und bemerke ihre sorgenvollen Blicke. Sie macht hin und wieder Andeutungen in Richtung Figur und Essen. Und das ziemlich plump. Aber was soll ich machen?

„Okay, Mama.“

Ich nehme ihr die Brotdose ab, die sie mir mit eindringlichem Blick entgegenhält. Fast schwingt eine Warnung durch ihre Augen mit. Der Inhalt wandert eh in der Pause in den Mülleimer. Auf dem Weg zur Schule treffe ich Samira und Sophie.

„Hallo Chayenne!“, rufen sie mir wie aus einem Munde zu und winken so heftig, dass man befürchten muss, dass ihre Arme gleich abreißen. Küsschen links, Küsschen rechts begrüßen wir uns.

„Dein letztes Video mit dem Cashmere-Pulli war sooooo cute!“, jubelt Sophie.

Das ist so übertrieben schleimig.

„Oh, danke dir!“, schleime ich zurück.

Zum Glück müssen wir, um weiter zu kommen, in die gleiche Richtung schauen. Die ganze Zeit könnte ich das Grinsen nicht durchstehen. Tja, Erfolg hat seinen Preis. Man muss sich seine Fans schon warmhalten und immer schön freundlich bleiben. Das ist manchmal anstrengend und ich habe keine Lust darauf. Man muss nur täglich oder MINDESTENS dreimal die Woche etwas posten, sonst gerätst du in Vergessenheit.

Meine Gedanken schweifen ab zur Mathearbeit, die wir gestern geschrieben haben. Ich hatte wieder einen Blackout. Aber nicht so schlimm wie im letzten Schuljahr. 

„Bitte, lieber Gott, lass mich wenigstens eine 3- geschrieben haben! Ich muss unbedingt in die nächste Klasse versetzt werden. Den Terror, den es sonst zu Hause geben würde, überlebe ich nicht!“, schicke ich stumm ein Stoßgebet in Richtung Himmel. Warum kann ich nicht gleich YouTuberin werden und so mein Geld verdienen? Mathe, Französisch, PHYSIK! Ich meine, wer braucht denn das, wenn man mit Videodrehen Kohle machen kann? Aber da gibt es „keine Diskussion mehr. Basta!“ So beendet mein Vater eigentlich jedes Gespräch, wo ich etwas will, aber er nicht. Das ist ungerecht. Wir kommen am Schulgelände an. Samira und Sophie verabschieden sich, weil sie in einen anderen Unterricht müssen als ich. Sie sind ja auch nicht sitzengeblieben wie ich.

„Tschauie! Bis später in der großen Pause!“, flötet Sophie mir zu.

„Jaha! Tschauie!“, flöte ich zurück. Du meine Güte, wie mir das manchmal auf den Zünder geht. Wenn die beiden bei mir sind, dann muss ich ihnen immer meinen kompletten Kleiderschrank ausräumen, damit sie Modenschau machen können. Selbstverständlich werden dabei ununterbrochen Selfies gemacht und natürlich kommen davon einige in meine Insta-Story. Herzchen, Herzchen, Herzchen.

Aufräumen darf ich danach immer alles alleine. Aber das ist mir lieber, als wenn sie dafür noch länger bei mir abhängen würden.

Ich überquere den Schulhof und sehe die üblichen Verdächtigen. Ein farbloses Wesen huscht an mir vorbei. Nicole? Oder Nina? Egal. So langweilig, wie die aussieht. Da muss man sich den Namen eh nicht merken.

Oh, im Flur kommt mir Jules gerade entgegen. Schnell schaue ich auf den Boden und beschleunige meinen Schritt. Der soll nicht mitbekommen, dass ich leicht rot werde. Das darf doch wohl nicht wahr sein, dass mir dieser Angeber gefällt. Ich ärgere mich darüber.

In dem Moment, wo ich mich an meinen Tisch im Klassenzimmer setze, quakt ein Frosch. Das ist der Benachrichtigungston von meinem Handy. Zum Glück passiert das jetzt. Denn wenn der Unterricht angefangen hat und die Handys nicht auf lautlos eingestellt sind, dann werden sie von den Lehrern eingesammelt und man bekommt sie erst nach dem Unterricht wieder. Das erlebt man nur einmal und dann hat man sein Handy besser im Griff.

„Ich kenne Dein Geheimnis und Deinen wichtigsten Wunsch. Komme morgen um 15:00 Uhr zur Litfaßsäule am Bahnhofsplatz“, steht auf dem Display. Unbekannte Nummer…

„Lass mich in Ruhe, wer auch immer du bist“, schreibe ich zurück.

Quakquak. „Du musst Dich nicht ärgern, nur weil Dir dieser Angeber gefällt. Über seine Gefühle hat man oft keine Kontrolle. Die sind einfach da.“

Eben wird es echt komisch und mir wird mulmig… Das habe ich doch gerade vor ein paar Minuten nur GEDACHT!

Quakquak. „Es tut mir leid, dass Dir wegen mir jetzt mulmig wird. Ich will Dir helfen. Dafür musst Du allerdings morgen zur Litfaßsäule kommen. Um 15:00 Uhr. Ich hoffe, Du kannst mir vertrauen. Was bestimmt schwer ist nach all diesen Mails, die Du bekommen hast.“

Ich habe keine Zeit mehr zu antworten. Dafür müsste ich mir Gedanken machen können. Aber Frau Gerikev betritt in diesem Moment den Klassenraum und ich kann gerade noch so das Handy auf lautlos stellen und in meinen Rucksack werfen. Zum Glück haben wir Deutsch. Das Thema hatten wir letztes Jahr. So kann ich mir wegen der Nachrichten in Ruhe ergebnislos das Hirn zermartern.

In der nächsten Pause schaue ich sofort nach und siehe da: Eine weitere Nachricht.

„Du hast morgen einen Button in der Post. Den musst Du Dir anstecken, wenn Du am Treffpunkt bist.“

Ich kann ja mal hingehen und schaue, was passiert, denke ich mir. Am Nachmittag drehe ich noch ein Styling-Tutorial ab. Das werde ich morgen Abend hochladen. Mama überwacht beim Abendessen jeden Bissen, den ich in den Mund nehme. Sie erzählt mir ein paar Anekdoten aus dem Büro, dann verabschieden wir uns in die Nacht. Bevor ich einschlafe, grüble ich noch eine Weile wegen dem Termin morgen. Wegen des Termins? Ach, Grammatik ist mir gerade wurscht.

Leandro

„Jetzt mach doch mal, dass die Kleine endlich still ist!“, brüllt Papa.

„Na, wenn du so rumschreist, dann wird Lilly sich ganz bestimmt sofort beruhigen“, murmele ich unhörbar vor mich hin. Ich brauche nicht mit in der Küche zu sein, um mir Mamas sorgenvolles Gesicht und ihre beschwichtigenden Worte vorstellen zu können.

Der ganz normale Wahnsinn in der Familie Müller. Dieser Name klingt immer so gewöhnlich. Wie Meier, Schmidt, Schulze und Fischer. Nur leider ist hier nur selten irgendetwas gewöhnlich. Ich seufze tief und gehe in die Küche.

„Lass Mama, ich kümmere mich!“, rufe ich über das Gebrüll hinweg. Lilly streckt schon ihre Ärmchen nach mir aus und ihr Schreien geht plötzlich in ein Schluchzen über, das auch meine Ohren vertragen können.

„Na, du Stinkerle? Wollen wir mal nach Bobo Bär und Lotti Hase gucken?“

Ich will mit ihr den Raum verlassen, da raunzt mich Papa an:

„Wegen der Sache mit dem Schüler, Gerd, oder wie der heißt: Taschengeld ist für einen Monat gestrichen! Ich will keine Anrufe mehr von Schuldirektoren bekommen. Hast du das verstanden, Sportsfreund?“

„Ja, Papa. Wird nicht wieder vorkommen“, antworte ich ihm und schaue knapp an seinem Kopf vorbei. Ich kann seinen glasigen, aber verkniffenen Gesichtsausdruck nicht ertragen.

Dass ich seit Wochen ohnehin kein Taschengeld von ihm bekommen habe, hat er wohl vergessen. Von daher wird mir nichts fehlen und ich bin froh, dass ich so glimpflich davongekommen bin. Da war er oft schon anders drauf…

Ich schlucke und gehe mit Lilly ins Kinderzimmer, um mit ihr zu spielen. Ein paar Minuten habe ich noch, bevor ich in die Schule muss. Ein so überflüssiger Ort. Lauter Erwachsene, denen man nichts recht machen kann.

„Zapple nicht immer so rum!“

„Du bist mal wieder zu spät. Das gibt einen Eintrag ins Klassenbuch!“

„Na, wenn das mit deinen Leistungen so weitergeht, sehe ich schwarz für deine Versetzung.“

„Du musst dich halt etwas mehr anstrengen. Von nichts kommt nichts.“

„Das ist die letzte Verwarnung, mein lieber Freund!“

Und die Nicht-Erwachsenen sind einfach alle nur blöd.

Keine Ahnung, was die immer gegen mich haben. Aber Angriff ist die beste Verteidigung. Wer es darauf anlegt, bekommt schon mit, wo der Hase langläuft. Hase Lotti.

Mama kommt zu uns, denn ich muss jetzt leider los. Lilly hat sich beruhigt. Manchmal eskaliert hier schon morgens die Situation. Dann komme ich nicht rechtzeitig weg und kassiere in der Schule für mein Zuspätkommen einen Anschiss.

Das mit Gerrit muss sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen haben. Alle weichen mir etwas aus, als ich über den Schulhof laufe. So in etwa muss sich Moses gefühlt haben, als er das Meer geteilt hat. Die letzte Reli-Stunde kommt mir in den Sinn. Die 10 Gebote. Du sollst Deinen Vater und Deine Mutter ehren… Die anderen konnte ich ja halbwegs verstehen, aber dieses?

Die ersten beiden Stunden haben wir Sport und ich hole meine Turnschuhe aus meinem Spind. Ich schließe ihn auf und am Regal direkt vor meiner Nase hängt ein großer, cremeweißer Zettel auf dem steht mit schwungvoller Schreibschrift:

„Ich kenne Dein Geheimnis und Deinen größten Wunsch. Komm morgen um 15 Uhr zur Litfaßsäule am Bahnhofsplatz.“

Ich gucke mich verstohlen um. Versteckte Kamera? Wer nimmt mich hier auf den Arm? So ein Spind ist leicht zu knacken und ich habe mir auch schon den einen oder anderen Streich mit den Spinden anderer erlaubt.

Ich sage nur so viel: Lecker ist anders… Niemand der anderen, die ich gerade sehen kann, bekommt etwas mit oder guckt zu mir. Alle sind damit beschäftigt, pünktlich in den Unterricht zu kommen. Den Zettel reiße ich einfach ab, zerknülle ihn und werfe ihn auf den Flurboden. Nun schauen ein paar kurz hoch, aber widmen sich sofort wieder ihren Angelegenheiten. Aus dem Augenwinkel beobachte ich, dass sich ein Knirps nach dem Zettel bückt und ihn aufhebt. Ich schnappe mir die Turnschuhe und laufe in Richtung Turnhalle. Der Knirps läuft mir hinterher und ruft:

„Hallo, das ist dein Zettel, oder?!“, und reicht mir den Papierball. Der scheint mich wohl noch nicht zu kennen. Aber irgendetwas an ihm erinnert mich an Lilly. Nur deshalb nehme ich ihm grimmig guckend und wortlos das verkrumpelte Ding aus der Hand.

Ich weiß nicht, warum ich das tue, aber ich falte das Blatt wieder auseinander. Nun lese ich aber:

„Bitte nicht gleich wieder zusammenknüllen und wegwerfen! Sonst dauert das so lang. Ich weiß, was niemand über Dich wissen soll und kenne Deinen größten Wunsch. Ich möchte Dir helfen. Also sei morgen um 15:00 Uhr an der Litfaßsäule am Bahnhofsplatz. Tu es auch für Lilly.“

Nun bekomme ich es wirklich mit der Angst zu tun und gleichzeitig steigt ein leichtes Gefühl von Hoffnung in mir auf. Ich muss auf einmal tief ein- und ausatmen. Ich falte den Zettel sorgsam zusammen, stecke ihn in meine Hosentasche und gebe Gas, damit ich nicht zu spät in die Turnhalle komme. Nach dem Unterricht hole ich ihn wieder hervor. Wieder hat sich der Text verändert. Morgen sei ein Button für mich im Briefkasten, den ich zum Treffpunkt mitnehmen und anstecken soll. Der Rest des Tages verläuft normal unnormal. Mit Verne80 und Milanus7 zocke ich noch eine Weile ein paar Level. Wie schön, dass es da draußen in der Welt wenigstens ein paar vernünftige Menschen zu geben scheint. Es ist mittlerweile schon nach 22:00 Uhr. Ich überlege, ob ich morgen zum Bahnhofsplatz gehen soll. Ich schleiche mich nochmal leise zu Lilly ins Zimmer und schaue ihr eine Weile beim Schlafen zu. Wie entspannt sie da immer aussieht. Als hätte es den ganzen Trouble am Tag nicht gegeben. „Was meinst du, Zuckerrübe? Soll ich da morgen hingehen?“ Genau in diesem Moment giggelt sie im Schlaf, als träume sie gerade von Bobo Bär und Lotti Hase.

„Ich werte das mal als ein ja. Danke Lilly und schlaf gut.“

Nina

Zum Glück ist Mama schon auf dem Weg zur Arbeit, als ich aufstehe. In der letzten Zeit ist es oft unausstehlich mit ihr. Ich meine, ich verstehe ja, dass sie abends nach der Arbeit müde ist, auch weil sie gerade viele Krankenvertretungen übernehmen muss. Aber muss sie mich deshalb immer so anpflaumen, wenn etwas nicht ganz zu ihrer Zufriedenheit läuft?

Ihr Frühstücksgeschirr steht auch oft morgens noch auf dem Tisch und ich mache das mit sauber, bevor ich zur Schule gehe. Früher hat sie sich dafür ab und an bedankt und mir einen Kuss auf den Kopf gegeben. Und auch öfter mal in den Arm genommen. Ich mag das aber auch nicht mehr so gerne.

Dafür bin ich mittlerweile viel zu sauer auf sie. Das Thema Papa ist die 100-prozentige Garantie für heftige Wortwechsel, nach denen wir uns beide heulend in unsere Zimmer verziehen. Also Mama geht ins Wohnzimmer, da sie kein eigenes Schlafzimmer hat. Ich werfe noch einen Blick auf den Kalender. Heute und morgen arbeitet sie auch wieder bis spät. Sehr gut. So laufen wir uns kaum über den Weg. Und ich kann bei Eva im Reitstall wieder unbemerkt ein paar Stunden mehr ausmisten oder Pferde striegeln und kann dafür kostenlos reiten.

Wenn ich nicht wenigstens das hätte…

So, dann werde ich mal meine Cornflakes frühstücken. Cerealien mit ganz vielen zugesetzten tollen und lebensnotwendigen Vitaminen! Als ob die mir weismachen könnten, das sei dadurch gesund. Die schmecken gut und man ist für eine Weile irgendwie satt.

Dieses einigermaßen erträgliche T-Shirt mit dem halbwegs unauffälligen Aufdruck kratzt doch etwas. Keine Ahnung, wo Mama diese Klamotten immer kauft. Das meiste ist Second Hand. Das kenne ich nun schon mein Leben lang. Getragene Kleidung weitertragen. Mama verdient nicht so viel und die Unterhaltszahlungen von Papa kommen angeblich mal, mal kommen sie nicht. Immerhin sind Secondhand-Kleider ressourcenschonend und umweltfreundlich. Da sind auch weniger oder keine Giftstoffe mehr drin, weil sie so oft schon gewaschen wurden. Unsere Armut trägt quasi zum Umweltschutz bei. Prima!

Jules und Chayenne, die heimlichen (oder unheimlichen?) Sterne am Schulhofhimmel, haben immer die neueste Mode an ihren perfekten Körpern. Neben ihnen will man sich einfach nur in Luft auflösen. Mittlerweile habe ich mein Unauffälligsein perfektioniert.

Die Rezeptur ist sehr einfach:

• Halte die Klappe, es sei denn, du wirst gefragt.

• Gehe auf niemanden zu.

• Warte, dass die anderen auf dich zukommen.

• Melde dich im Unterricht so wenig wie möglich aber so oft 
  wie nötig.

• Komme leise und gehe leise.

• Kleide dich unauffällig…

Scherz. Das ist ja ein Teilgrund für die Strategie…

Schule verläuft heute ohne besondere Zwischenfälle. Zu Hause bin ich wieder alleine. Ich gehe an meinen Laptop. Zum 1000. Mal schaue ich mir Papas Seite auf BusiLink an. Das ist so eine Art soziales Netzwerk für Geschäftsleute. Also quasi Facebook in langweilig. Dort habe ich ihn gefunden und mir extra ein Fake-Profil angelegt, um etwas über ihn zu erfahren. Er ist also jetzt mit einer Natascha Steitz aus Berlin befreundet, die als Sales Managerin für eine Firma in Berlin arbeitet. Es ging so einfach. Diese Art von Kontakten ist genauso unpersönlich wie bei Facebook und all den anderen Plattformen. Glück für mich. Ich kontrolliere nochmal die Daten für die Abreise und die Öffnungszeiten von Papas Firma. Was aber, wenn Papa ausgerechnet an diesem Tag im Urlaub ist? Oder krank? Dann werde ich ihn nicht sehen, geschweige denn herausfinden können, wo er wohnt. Mama hat alle Ordner, in denen ich Hinweise darauf finden könnte, fest verschlossen.

Mein Blick fällt wieder auf mein Bücherregal mit meinem Geheimfach. Ich schlucke. Das war nicht in Ordnung, was ich gemacht habe. Das traurige, wütende und enttäuschte Gesicht von Mama verfolgt mich. Ihr bitterliches Weinen. Sie darf niemals erfahren, dass ich… Aber sie ist doch auch selber schuld, wenn sie mir alles verbietet! Ein Benachrichtigungston informiert mich, dass ich Post bekommen habe. Mister X von der Firma Mystic Events schreibt mir:

„Ich kenne Dein Geheimnis und...“

Bla bla bla. Können wir uns das nicht auch mal sparen? Wiederholungen sind stilmitteltechnisch gesehen nicht so toll.

Mal sehen, was der Lektor/ die Lektorin dazu sagt…

Also, Nina ist irritiert, aber entscheidet sich auch hinzugehen, richtig?

Okay. Dann kürze ich das hier ab.

Super! 

An der Litfaßsäule

Nun ist er also da, der Nachmittag mit der merkwürdigen Einladung. Alle hatten etwas unruhig geschlafen und haben bereits vor der Schule einen Blick in die Briefkästen geworfen. Doch noch lag kein Button darin. Die Zeit in der Schule vergeht heute nochmal langsamer als ohnehin schon an einigen Tagen.

Endlich klingelt die Schulglocke und alle sechs „Eingeladenen“ stürmen nach Hause. Ist jetzt etwas im Briefkasten? Nina, Chayenne und Leandro fischen an sie adressierte, cremeweiße Umschläge aus den Kästen. Bei den anderen hat bereits ein Elternteil sie in die Wohnung gelegt. Darauf stehen in schwungvollen Lettern mit schwarzer Tinte ihre Namen. Es sah so aus, als wären sie vor 100 Jahren abgeschickt worden.

Die Buttons hatten einen grell neonorangenen Hintergrund, auf den eine aufgespreizte Hand im Comicstil von innen abgebildet war. Endlich ist es Zeit für jeden, sich auf den Weg zum Treffpunkt zu machen.

Nick ist so aufgeregt, dass er sich zwei Tafeln Schokolade, sein Tablet und, er weiß selber gar nicht warum, seine VR-Brille und die dazu gehörenden Gloves einpackt. Beides hat er von seinem Onkel Fred geschenkt bekommen. Der hat ein Fachgeschäft für PC-Zubehör in der Innenstadt und maßgeblich dazu beigetragen, dass Nick schon früh den Zugang zu Computern hatte. Deshalb kennt er sich auch mittlerweile überdurchschnittlich gut in Sachen Hard-, Software und Gaming aus.

Nina steckt ihren Glücksbringer ein. Das ist eine sehr  abgegriffene Schnullerkette mit einem Marienkäfer daran, die sie als Baby von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte. Es ist für einen Moment peinlich, dass sie denkt, den zu brauchen, aber sie fühlt sich eben immer etwas sicherer, wenn sie ihn dabei hat.

Chayenne überlegt, ob sie aus der merkwürdigen Einladung eine Insta-Story machen soll. Aber dann wird ihr doch mulmig. Noch weiß sie nicht, was da jemand über sie weiß… Nicht, dass das dann negativ auf sie zurückfällt. So manche Reaktion auf ihren letzten Post fand sie, gelinde gesagt, mal wieder unterirdisch. Aber wie sagte Tante Frieda damals immer: Mitleid bekommt man geschenkt. Neid muss man sich erarbeiten.

Jules ist sehr nachdenklich, als er sich auf den Weg macht. Könnte das Geheimnis damit zusammenhängen, wie es seiner Mutter geht? Aber wer könnte davon wissen? Nach außen hin erscheint die Familie intakt.

Leandro setzt ein reumütiges Gesicht auf, als er seiner Mutter sagt, er müsse nochmal zur Schule, weil er aus Versehen das Mathematikbuch von einem Klassenkameraden eingesteckt habe, und ihm es dort wiedergeben wolle. Lügen, das kann er gut. Auch so, dass ihm fast immer alles geglaubt wird.

Eolan packt wie immer ein Buch ein, bevor sie losfährt. Da kann sie sich die Zeit angenehm vertreiben, wenn sie warten muss und kommt nicht in die Gefahr, sich mit MENSCHEN unterhalten zu müssen.

Nick ist als erster am Bahnhofsplatz an der Litfaßsäule. Nervös schaut er sich ständig um.

„Mist! Ich bin etliche Minuten zu früh da“, ärgert er sich still. Er nimmt sich einen Schokoriegel und beginnt daran zu nagen. Essen beruhigt ihn immer etwas. Da beginnt er, langsamer und tiefer zu atmen. Auch ist er von dem süßen Geschmack von seinen wirren, lauten Gedanken abgelenkt.

Sitzt der Button sichtbar an seinem Hemd?

Plötzlich sieht er Nina neben sich stehen. Zum Glück schaut sie gerade in eine andere Richtung.

„Wo kommt die denn auf einmal her?“, fragt er sich.

„Die taucht immer wie aus dem Nichts auf und verschwindet genauso plötzlich wieder.“

Er dreht sich lieber weg und geht ein paar Schritte weiter um die Säule herum. Schon praktisch, das runde Dings. Sie muss ja nicht mitbekommen, was er um die Zeit hier macht.

Nina indes ist gerade verwirrt. Nick ist vor ein paar Sekunden aufgetaucht und knabbert mal wieder Schokolade. Und er hat genauso einen Button an wie sie!

„Nick? Kann der mich hier so verkohlt haben? Ich habe doch gar nichts mit dem zu tun! Aber so nervös, wie der zu sein scheint… Oder gerade deswegen? Aber dann wäre er ja nicht weggegangen, als er mich gesehen hatte, wenn er mich hierher bestellt hätte…“ So geht es in einem fort in Ninas Kopf. Bis Chayenne langsam auf die Säule zukommt. Sie ist gerade dabei, den Button an ihrem Oberteil festzumachen. Das scheußliche Teil sollte nur so lange wie nötig an ihrem süßen Top hängen. Die Verwirrung steigt…

„Hä? Wieso habt Ihr auch so einen Anstecker?“, fragt Chayenne in Nicks und Ninas Richtung. Die Dinger sind durch die Neonfarbe bis nach Bagdad zu sehen.

Nick sieht ein, dass die Säule kein gutes Versteck ist und will gerade fragen: „Wieso IHR?“, als sein Blick auf Ninas T-Shirt fällt. Chayenne hofft, dass sie nicht mit Nick gesehen wird. Und schon gar nicht, dass sie mit ihm REDET! Das wäre rufschädigend. Geflissentlich dreht sie sich etwas von den beiden weg und erblickt Jules. Schluck. In beide Richtungen wegdrehen ist leider irgendwie kaum möglich. Also holt sie ihr Handy raus und tut so, als checke sie ihre Nachrichten. Gleichzeitig versucht sie mit der anderen Hand den Button unauffällig zu bedecken, was ihr aber nicht wirklich gelingt und auch ziemlich komisch aussieht.

Jules führt gerade ein hitziges Gespräch am Handy mit Gecko. Gecko heißt eigentlich Wolfgang. Aber mal im Ernst: Welcher Jugendliche möchte heutzutage Wolfgang heißen? Er ist seit dem letzten Kindergartenjahr sein bester Kumpel, aber geht ihm gerade gehörig auf den Zünder mit einem Thema, wo er ihm so gar nicht helfen kann. Und auch im Moment nicht will. Er hat den Kopf dafür nicht frei, aber sein Freund versteht das nicht. „Gecko, jetzt höre mir mal bitte zu! Ich bin auf dem Weg zum Bahnhofsplatz und habe gerade keine Zeit für- Was soll denn bitte die Freakshow hier?“ Jules hat die anderen entdeckt.

„Nein, nicht Du, Gecko! Ich melde mich später zurück. Ciao, Kumpel.“

Jules beendet das Gespräch und nähert sich etwas langsameren Schrittes der Säule und der bunt gewürfelten Gruppe davor. Er schaut etwas länger zu Chayenne und für einen kurzen Augenblick hüpft sein Herz. Sie schaut zum Glück gerade auf ihr Handy.  Dann sieht er nach und nach bei jedem diesen albernen Button mit dem niiiiiiiiedlichen Hand-Motiv. Er nimmt seine coole, neue Sonnenbrille ab. Boah, die sind wirklich grell!

„Wisst ihr, was das Ganze hier soll?“, fragt er in die Luft, ohne jemanden genau anzusehen.

„Nein!“, „Nö!“ und ein Schulterzucken von Chayenne sind die Antworten. Eolan hat schon seit ein paar Minuten von einiger Entfernung aus die Szenerie beobachtet. Sie kann sich keinen Reim darauf machen, warum ausgerechnet diese vier anderen Figuren mit ihr an diesem Platz sein sollen. Die kennt sie doch noch nicht einmal! Ja, vom Sehen- und Hörensagen. Man hat ja die Augen und Ohren nicht nur zur Deko.

Aber nun ist ihre Neugierde doch größer als ihre Bedenken und Vorurteile und sie nähert sich dieser merkwürdigen Ansammlung.

„Ah, die lesende Brillenschlange ist auch mit von der Partie! Willkommen im Club der Ahnungslosen!“

„Ich kann Dich auch nicht leiden, Jules, aber auch Dir ein Willkommen zurück“, kontert Eolan schlagfertig.

Kurz ist Jules sauer und amüsiert. Mit so einem Echo hat er von DER nicht gerechnet.

„Meint Ihr, wir sind jetzt vollzählig?“, fragt Nina leise in die Runde. Bevor jemand antworten kann, bremst Leandro knapp vor ihnen sein BMX-Rad ab. Er ist ganz schön abgehetzt und knatschrot im Gesicht. Auch er hat einen Button an seinem Sweatshirt.

„Was habt Ihr Euch für eine Scheiße ausgedacht? Wenn Ihr meint, Ihr könnt mich verarschen oder einschüchtern, dann habt Ihr Euch geschnitten! Ich hab keine Angst vor Euch!“, brüllt er sie beinahe an. Dabei schlägt sein Herz wie wild und hofft, dass es nicht auffällt. Vor Jules hat er dann doch Respekt, schließlich ist der etwas älter und größer und vor allem nicht alleine…

„Nun lass mal ein bisschen Druck aus dem Kessel, Leo! Wir wissen auch alle nicht, was hier gespielt wird. Offensichtlich wurdest Du auch hierher bestellt, weil jemand Dein Geheimnis und Deinen wichtigsten Wunsch kennt, richtig?“, zickt Chayenne zurück.

„Ja… Genau…“

„Aber Du bist zu spät“, kommt es von Eolan. Es war mittlerweile sechs Minuten nach drei.

„Ich musste meine kleine Schwester noch wickeln, die hatte nämlich, kurz bevor ich los wollte, nochmal in die Windeln… Ihr wisst schon…“, sprudelt es aus ihm heraus, ohne vorher nachzudenken. Er erschrickt innerlich kurz. Das hatte er noch niemals jemandem erzählt, da es ihm peinlich ist.

Für einen kurzen Moment ist alles völlig still. Keiner der Anwesenden hatte gewusst, dass Leandro eine kleine Schwester hat. Und das Bild von ihm, dem berühmt-berüchtigten Krawallo in der Schule, wie er einem kleinen Mädchen die Windeln wechselt, das musste erst einmal vor dem geistigen Auge erstellt und verarbeitet werden.

Chayenne findet als erste ihre Sprache wieder.

„Na, ist doch kein Problem. Bisher ist ohnehin noch nichts passiert. Von daher bist Du ja doch quasi rechtzeitig da.“

„Sehr diplomatisch gelöst“, denkt Eolan. Keiner macht sich über ihn lustig. Leandro atmet innerlich auf. Seine Befürchtung, dafür ausgelacht oder verspottet zu werden, ist zum Glück nicht wahr geworden.

Was niemand in diesem Moment mitbekommt, ist, dass Jules während dieser Unterhaltung kreidebleich geworden ist.

Da ist wieder dieser Stein im Magen, den er beim Betrachten des Fotos im Flur immer spürt. Nur gerade ist er riesengroß und er sackt für einen kurzen Augenblick leicht zusammen.

Ein Erinnerungsfetzen erscheint vor seinem inneren Auge. Ein kleines Kind auf einem Wickeltisch.


 

 

Flugpost

Auf einmal vernehmen alle ein Surren in der Luft. Gemeinsam schauen sie nach oben und entdecken eine Drohne.

„Eine Holy Stone HS720E!“, rufen Nick und Jules wie aus einem Munde gleichzeitig aus und gucken sich danach verdutzt an.

„Woher weißt Du denn…?“, sagen beide wieder im selben Moment und müssen schmunzeln.

„Der Dicke hat ja wohl doch was auf dem Kasten. Hätte ich ihm gar nicht zugetraut“, denkt sich Jules.

Zum Glück ist der Stein durch die Ablenkung wieder weg. Nick sieht Jules’ anerkennenden Blick und freut sich innerlich, dass er bei ihm auch einmal einen Punkt gut gemacht hat.

Die Drohne senkt sich direkt zwischen ihnen ab. 

An ihr hängen cremeweiße Umschläge. Eolan geht auf das schwarze, summende Fluggerät zu und nimmt sie ab.

„Die sind ja dann wohl für uns“, murmelt sie und verteilt die Post an die Adressaten.

„Lese den anderen die Begriffe auf Deinem Zettel vor“, steht oben auf jedem der Briefe, die alle hastig aus den Umschlägen genommen haben.

Sie zeigen sich gegenseitig kurz ihre Nachricht.

Chayenne sagt:

„Okay, ich fange an, dann habe ich es hinter mir:

überheblicher Stolz

Verachtung

Trotz

Verrat

Demütigung

Neid

Schuld

Scham“…

Sie schluckt und hofft, dass es niemand bemerkt hat. Bei dem Begriff Demütigung denkt sie an die letzte E-Mail, die sie gerade noch vor einer Stunde erhalten hat. Absender: Hatethatbit..@serve.com.

„Okay, wer macht weiter?“

„Ich“, sagt Nina:

Wut

Ärger

Hass

Rachsucht.

Jetzt Du?“, fragt sie Eolan.

„Jap.

Trauer, Traurigkeit

Leid

Kummer

seelischer Schmerz“, 

liest die „Brillenschlange“ vor.

„Das sind gute, alte Bekannte“, denkt sie sich. „Nein, gut sind die nicht. Ich könnte gut auf ihre Bekanntschaft verzichten.“ Sie deutet wortlos mit ihrem Kinn in Richtung Nick.

Der versteht das stumme Zeichen und beginnt aufzuzählen:

„Verlangen

Sucht

Gier

unwiderstehliche Lust

Eifersucht

Danke, dass ich das jetzt auch noch laut vorlesen darf! Wisst ihr doch auch so schon, dass ich die Finger nicht von der Schokolade und dem ganzen anderen Junkfood lassen kann“, schnaubt er und schaut an seinem Bauch herunter.

„Dann mache ich mal weiter“, knurrt Jules

„Schock

Erstarren

Ohnmacht

Hilflosigkeit

Verzweiflung

Entsetzen

Schreck

Empörung.“

Er hatte schon genug Zeit gehabt, die Worte auf seinem Zettel zu lesen und ihm kam in den Sinn, dass diese sehr gut auf dem Stein in seinem Magen eingraviert sein könnten. Auch wenn ihm diese ganze Situation hier bisher immer noch etwas merkwürdig vorkommt, stieg in ihm eine Ahnung hoch, dass das Ganze wirklich mit seinem Geheimnis zu tun haben könnte. Und auch wenn er noch nicht wusste, was sein größter Wunsch sein soll… Vielleicht wird er es herausfinden.

„Na, ich kam als letzter, also lese ich wohl logischerweise auch als letzter meinen Zettel vor. Ordnung muss sein.“

Die anderen grinsen leicht. Zu Scherzen auf seine Kosten war Leo bisher noch nie aufgelegt gewesen.

„Angst

Panik

Sorge

Beklemmung

Ekel und Abscheu (sind beides eine „Angst des Körpers“).

Verdammte Hacke, ist das eine Gefühlsduselei!“ markiert er wieder den Lauten und hofft, dass keiner der anderen bemerkt, dass er wachsweiche, zittrige Beine bekommen hat und ihm, wie bei Jules, kurz die Farbe im Gesicht abhandengekommen ist. Gestern Abend kommt ihm in den Sinn. Es war wieder so laut. Und seine kleine Schwester Lilly, die sich mit verheulter und verrotzter Nase an seinen Schlafanzugpulli drückt… 

Oha…Ich merke, das geht wohl doch etwas unter die Haut. Und wie geht es jetzt weiter? Werden jetzt alle in den Bahnhof an Gleis 9 3/4 gelotst und ein unsichtbarer Zug nimmt sie mit nach Hogwarts?

Die Versuchung ist groß, da müsste ich mir jetzt nichts Eigenes ausdenken, das mindestens genauso gut funktioniert. Aber ich habe auch so meinen Stolz und überlege mir was anderes. Das mit der Drohne könnte ich weiterentwickeln. Halt, ich hab’s!


 

...Ein paar Kapitel weiter...

Heading

At varius vel pharetra vel turpis

Und so schlagen sie sich weiter durch die Wüste und werden noch vor ein paar Aufgaben gestellt.

Sie verfolgen, wie die Neurotransmitter sich jeweils verändern. Je nachdem, wie es ihnen gerade geht. Ob sie in einer bedrohlichen Situation sind, oder ob es ihnen gemeinschaftlich gelingt, die Tasks auszuführen.

Schlussendlich kommen sie in der Oase an. Dort werden sie von Affen begrüßt. So werden sie auch noch die Bananen los, die sie mit dabei haben. Die Mission ist bestanden. 


 

 

Das sieht total! bescheuert! aus. 
 

Daraufhin werden sie in eines der Zelte der Oase gelotst.  Alle denken gleichzeitig beim Betreten des Raumes: Das ist doch der Raum von unseren Sozialarbeitern an der Schule! Aber einige Dinge sind doch etwas anders.

„Na toll! Geiler Plot-Twist! Eben noch waren wir in einer Wüste und plötzlich hängen wir wieder in der Penne ab.“

Sie müssen alle über Leos Kommentar schmunzeln.

Ein Mädchen und ein Mann sitzen sich auf bequem aussehenden Sesseln halb gegenüber. Er hat ein Blatt Papier in der Hand, auf das das Mädchen schaut.

Es hat Ähnlichkeit mit Mareike aus der 6 a. Über ihr ist auch eine Anzeige mit den blauen und türkisfarbenen Säulen. Die blauen sind bis relativ weit oben, die anderen eher weniger gefüllt. Sie macht sehr merkwürdige Bewegungen.

Sie tippt mit ihrem Mittel- oder Zeigefinger, so genau kann man das gerade nicht sehen, nacheinander auf Stellen in ihrem Gesicht, auf ihrem Oberkörper und dann an ihren Fingern der anderen Hand herum.

Zwischen den Augen, neben dem Auge, unter dem Auge, unter der Nase, unter der Unterlippe und so weiter. Sie tippt ca. fünf- bis achtmal in relativ hoher Frequenz auf jede Stelle und wechselt schnell die Punkte. Gleichzeitig bewegt sie ihre Lippen, so als würde sie reden, nur dass niemand etwas hört. Der Mann nickt hin und wieder mit dem Kopf und scheint ihr dabei etwas zu sagen.

„Das sieht ja total bescheuert aus!“

„Verdammt, ich hör’ nichts. Ihr?“, rufen Chayenne und Leandro durcheinander.

Vor ihren Augen erscheinen aus dem Nichts die Worte „Habt Geduld und schaut euch erst einmal etwas genauer um.“

Also treten sie weiter in die Szenerie ein.

„Schaut mal! Da drüben auf der Tafel! Da stehen die ganzen Begriffe, die wir vorhin schon gelesen haben!“, ruft Leo.

Auf einmal tauchen jeweils an den Stellen, auf die sich das Mädchen tippt, Ziffern auf.

Sie beklopft weiter sachte etwa viermal pro Sekunde auf einen Punkt und wechselt nach etwa zehnmal zum nächsten.

An einer Wand hängt ein Plakat, auf dem eine Person abgebildet ist, ebenfalls mit den Zahlen an den Stellen, wie bei dem Mädchen.

Und Bezeichnungen. Handkantenpunkt (Karatepunkt), Unter dem Schlüsselbein, mittig auf dem Brustbein und so weiter.

„Der Typ hat ein Bild von einer Spinne in der Hand. BÄH!, ist die eklig!“, informiert Nick die anderen und schüttelt sich leicht.

„Auf dem Tisch liegt ein Zettel. Da steht Ekel: 7 von 10 und Angst: 8 von 10 drauf“, kommt es von Nina. Seit der lustigen Kabbelei mit Nick und den Erfolgen im Cyberspace fühlt sie sich lockerer und staunt, dass sie heute so viel redet.

Mit einem Mal fangen alle an, eine Stimme zu hören. Erst ganz leise und immer lauter werdend vernehmen sie das Mädchen:

„Mein Ekel vor dieser Spinne… Mein Ekel, weil die so schnell laufen kann… Mein Ekel, weil die so schnell ist… Mein Ekel, weil die über mich drüber laufen könnte…“

„Gut, Meike“, hören sie nun klar und deutlich auch den Mann. „Wird der Ekel weniger?“

„Ja, etwas. Aber ein Rest ist noch da.“

Die blauen Säulen haben sich währenddessen etwas reduziert.

„Dann klopf weiter und löse den Rest auch noch auf.“

„Mein restlicher Ekel vor dir, Spinne… Mein restlicher Ekel, weil du so haarige Beine hast…“ Meike schüttelt es und ihr entfährt ein BÄH!, so wie Nick vor wenigen Minuten.

„Sehr gut! Lass deinen Körper sich ruhig schütteln und wenn es dich würgt, dann unterdrücke das nicht. Wie du ja schon weißt: Hier gibt es keine Gutes-Benehmen-Pluspunkte. Eher im Gegenteil“, erwidert der Mann, schmunzelt dabei leicht schelmisch und zwinkert ihr zu.

Meike macht noch eine Weile weiter wie bisher. Die ganze Zeit klopft sie in einer bestimmten Reihenfolge die Körperpunkte. Dabei schüttelt sie sich und würgt ab und an.

Das sieht schon ziemlich lustig aus, finden die stillen Beobachter. Auf einmal sagt sie: 

„Der Ekel ist jetzt weg, aber die Angst ist jetzt richtig da. Ich erinnere mich gerade daran, wie mir eine Spinne im Keller mal ins T-Shirt gefallen ist. Da war ich so etwa fünf Jahre alt.“

„Iiiihhhh!“, ruft Eolan. Schon alleine die Vorstellung lässt schlagartig Gänsehaut auf ihren Armen nahezu hochploppen.

„Gut, Meike. Ist das gerade Angst, die du fühlst, oder ist es eher ein Schreck? Fühl mal nach.“

„Ja, doch, es ist ein Schreck. Mein Schreck, weil mir die Spinne plötzlich von oben in mein T-Shirt gefallen ist… mein Schreck, weil es plötzlich so furchtbar gekitzelt hat, und ich die Spinne nicht gesehen habe… Mein Schreck… Mein Schreck, weil ich damit nicht gerechnet habe… Mein Schreck… Okay, der Schreck ist jetzt auf einmal weg“, teilt Meike mit. „Aber jetzt kommt etwas Traurigkeit…, weil Thomas, mein großer Bruder mich ausgelacht hat. Und nicht geholfen hat. Der stand doch direkt daneben und hat nur zugeguckt, wie ich schreie, heule und herumzappel, um das Vieh loszuwerden.“

„Gut, dann klopfe die Traurigkeit.“

„Meine Traurigkeit, weil Thomas mich ausgelacht hat… Meine Traurigkeit, weil Thomas mich ausgelacht hat…“

„Sag mal: weil DU mich ausgelacht hast, Thomas. Und stelle dir vor, er würde auf dem Stuhl, der gegenüber von dir ist, sitzen und dir zuhören müssen.“

„Meine Traurigkeit, weil du mich ausgelacht hast, Thomas… Meine Traurigkeit… neeee! Da ist auf einmal eine richtig große Wut auf ihn!“

„Sehr gut! Dann klopf die Wut.“

„Meine Wut auf dich, Thomas, weil du mich ausgelacht hast, anstatt mir zu helfen… Meine Wut auf dich, weil du mir nicht geholfen hast, mich ausgelacht hast!“ Mit einem Mal ist Meike total auf hundertachtzig. Man sieht ihr die Wut richtig an. So geht das noch eine kleine Weile weiter, doch plötzlich bildet sich ein breites Lächeln in Meikes Gesicht.

„Herr Karlson, ich bin auf einmal völlig entspannt. Die Wut ist weg, die Angst und der Schreck sind weg, sogar der Ekel ist weg und ich kann die Spinne jetzt angucken, ohne einen Herzkasper zu bekommen. Tadaaa! Ich fasse da jetzt sogar mal drauf!“

Wieder hat sich der Füllstand der Säulen verändert. Die türkisfarbenen sind nun gefüllter als die blauen.

„Klasse Meike! Wenn man bedenkt, dass ich am Anfang der Stunde das Bild nur ganz hinten an der Wand anpinnen durfte, weil dir der Abstand vorher zu kurz war! Und wenn du magst, dann können wir in der nächsten Stunde mit einer echten Spinne arbeiten. Die würde ich in einem kleinen Terrarium dabeihaben, was meinst du?“

„Ich nehme die Herausforderung an!“, lacht Meike und verschwindet urplötzlich vom Bild. Gleichzeitig dreht sich Herr Karlson zu unseren sechs Zuschauern um. Die gucken gerade etwas verdutzt aus der Wäsche.

„Ja, das sieht echt total! bescheuert! aus. Aber wen kümmert es, wie man aussieht, wenn man so innerhalb von wenigen Minuten eine jahrealte Angst vor Spinnen, vor Hunden, dem Zahnarzt oder dem Fliegen in einem Flugzeug loswerden kann?

Oder wenn einen ein anderes Gefühl plagt, das nicht schön ist. Gibt es etwas, wovor ihr Angst habt?

„Vor dem Hund von Frau Kröger.“ „Vor Klassenarbeiten, besonders Mathe.“ „Vor den Drohmails.“ „Vor Papa.“ „Vor Höhe.“ „Dass der Süßigkeitenschrank leer ist.“ Rufen alle durcheinander.

„Man kann etliche Probleme beziehungsweise schwere Gefühle auch alleine für sich bearbeiten. Da muss nicht immer so ein Psychotherapeut oder Coach wie ich dabei sein. Ihr werdet alle die Übersicht mit den Klopfpunkten (2), ein Blatt mit einer Anleitung (3), eins mit den Gefühlen (4) und eine Erklärung, wie man Körperreaktionen in Gefühle übersetzt (5) bekommen. Dann könnt ihr zu Hause ausprobieren, wie es bei euch funktioniert. Es gibt noch einige Techniken und Übungen mehr. Durch das Spiel habt ihr die verschiedenen Neurotransmitter kennengelernt, die ausgeschüttet werden, wenn man im Stress ist oder zum Beispiel Angst hat und die, die sich bilden, wenn man berührt wird, oder sich selbst berührt und mit Menschen entspannt zusammen ist. Aber für heute reicht es. Ich wünsche euch noch einen schönen Tag. Ich werde jetzt wieder verschwinden. Bis bald, hoffe ich.“

Alle winken und verabschieden sich von Herrn Karlson.

„Schon irre“, denkt sich Chayenne. „Der ist gar nicht echt, sondern nur eine Animation und wir machen Winkewinke…“

Die Bildschirme werden schwarz. Etwas benommen nehmen alle ihre VR-Brillen ab, schauen sich etwas unschlüssig an und schweigen.

„Dass der Süßigkeitenschrank leer ist!?“, platzt es aus Nina heraus, aber lacht Nick dabei so offen und herzlich an, dass er ihr gar nicht böse ist. Er muss auf einmal mitlachen. Und der Rest der bunten Truppe fällt ebenfalls in das Gelächter ein.

„Ich kann nicht mehr! Was war das denn bitte für ein schräger Nachmittag!“, findet Jules als erster wieder zurück auf den Boden.

„Ja, oder?“, keucht Chayenne und grinst verschmitzt zu ihm rüber.

In diesem Augenblick kommt Fred in den Raum. In der Hand hält er…

Lass mich raten: Sechs cremeweiße Umschläge?

Du bist ein schlauer Kopf!

…sechs cremeweiße Umschläge.

„Die hier sind für euch abgegeben worden. Das war voll der schräge Typ. Mit schwarzem Mantel und hochgeschlagenem Kragen. Ich meine: wir haben heute 24 Grad im Schatten.

Melone auf dem Kopf, also so ein schwarzer, runder Hut, dazu Zwirbelbart und Gehstock. So als sei er entweder aus der Zeit gefallen oder von der Theaterbühne mal kurz bei mir vorbeigekommen. Aber ich versuche eh nicht mehr zu verstehen, was hier läuft. Und nehmt euch ruhig von den Fruchtschorlen für unterwegs mit. Wie ich sehe, habt ihr nur den Süßkram vernichtet.“

Alle langen zu. Chayenne überlegt kurz, nimmt das Angebot dann aber auch gerne an. „Schorle, da ist nur wenig Saft drin. Das ist okay bei dem Durst, den ich gerade habe“, denkt sie sich und langt zu.

Sie verabschieden sich von Fred und verlassen das Paradies. Auf der Straße stehen sie nun gemeinsam herum. Beim Aufschließen seines BMX-Rades sagt Leandro:

„Leute, ich weiß zwar immer noch nicht, warum ausgerechnet ihr Freaks mit mir zusammen hier diese Show besuchen musstet, aber ich kann das erst später herausfinden. Ich muss jetzt nach Hause, sonst gibt es Stress.“

„Jo, lass mal heimgehen“, kommt von Eolan.

„Ich bin sehr gespannt, ob und wie es weitergeht. Also ich bin auf jeden Fall dabei. Aber ich muss jetzt wirklich los, sonst bin ich mal wieder zu spät.“

„Mach‘s gut, Leo!“

„Bis morgen!“, rufen die anderen. 

Das Buch enthält Anleitungen zum Klopfen und Entspannungsübungen mit QR-Code zu meinem YouTube-Kanal. Dort kann man sie in Anwendung sehen. 

Was sind Glaubenssätze?    

Was Neurotransmitter mit deinen Gefühlen zu tun haben

Gefühle in Sprache übersetzen        

Warum dein Verstand klug ist, aber Gefühle trotzdem oft stärker sind

Nachwortwechsel

240 Seiten Konflikte, Gefühle, Spannung, Humor, Begegnung, Freundschaft und das Heilen alter Wunden

(9) zu Seite 80 und 133: Scham oder beschämt werden - Ein großer Unterschied!

 

Scham ist ein Gefühl, das jeder kennt. Es kann uns erröten lassen, sich warm und unangenehm im Bauch ausbreiten und dafür sorgen, dass wir am liebsten im Erdboden versinken wollen. Doch Scham hat eigentlich eine sehr wichtige Aufgabe und ist nicht nur peinlich. 

Es gibt die eine Art von Scham, die uns hilft zu lernen, wie man ein akzeptierter Teil einer Gemeinschaft ist. 

Sie zeigt uns: 

“Ups… das war nicht okay von mir.”

“Damit kann ich jemanden verletzen.”

“So machen wir das hier nicht.” 

Also hilft uns dieses unangenehme Gefühl, Regeln zu verstehen und uns in eine Gruppe zurechtzufinden. 

Es gibt uns den Hinweis, es noch einmal anders zu versuchen. 

Das ist gut so, denn diese Art von Scham macht uns sozialer, vorsichtiger und reifer. 

NUR: Es gibt auch eine Form von Scham, die überhaupt nicht hilfreich ist! 

Das ist das Gefühl von Scham, das entsteht, wenn wir von jemandem ausgelacht, bloßgestellt, klein gemacht oder absichtlich gedemütigt werden. Das ist dann keine natürliche Scham mehr, durch die wir etwas über das soziale Miteinander und gesunde Grenzen der anderen lernen, sondern Verletzung. 

Leider kommt das mittlerweile in unserer Gesellschaft viel zu häufig vor.

Zum Beispiel durch Eltern, Lehrer und Lehrerinnen aber auch sehr durch Social Media und eigentlichen “Idolen”.

Da wird Beschämung bewusst oder auch unbewusst, weil man es selbst nicht anders kennt als Machtinstrument zur Erziehung eingesetzt.

Oder um Menschen zu manipulieren und kontrollieren. 

Und natürlich bei jeder Form von Mobbing und Ausgrenzung. 

Irgendwie “einfach nur so”…

Sätze wie:

“Was stimmt denn mit dir nicht?”, “Stell dich nicht so an!”, “Du bist peinlich!”, “Du bist eklig!”, “Alle anderen schaffen das, nur du nicht!” etc. brennen sich auf Dauer tief ins Herz. Es reicht auch aus, wenn uns immer wieder verächtliche Blicke zugeworfen und offensichtlich über uns getuschelt wird. 

Statt dass wir uns immer besser in der Welt auskennen, fühlen wir uns immer wertloser.

Beschämung macht, dass wir denken, wir wären falsch, dumm oder schlecht. 

Manchmal fangen wir sogar an, uns selbst zu misstrauen, uns zurückzuziehen oder sogar, uns selbst abzulehnen und zu hassen. 

Das ist also kein Lernen, sondern Verletzung!

Also ist das sehr wichtig, das zu unterscheiden. Viele Jugendliche und auch Erwachsene denken:

“Wenn ich mich schäme, liegt es an mir.” Aber das stimmt oft gar nicht. 

Die hilfreiche Scham kommt aus dir selbst als Orientierung. Die unfaire Scham kommt von außen als Angriff.

Wenn man diesen riesigen Unterschied versteht, kann man anfangen, sich von der falschen Scham zu befreien und die gesunde Scham als Landkarte behalten. 

Du bist nicht falsch! Du hast nur gelernt, dich zu schämen.

Manchmal zu Unrecht.

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